Baden-Württembergs radikale Energiewende unter Katharina Reiche spaltet Wähler und Wirtschaft
Luisa HofmannBaden-Württembergs radikale Energiewende unter Katharina Reiche spaltet Wähler und Wirtschaft
Baden-Württembergs Energiepolitik nimmt unter Wirtschaftsministerin Katharina Reiche eine radikale Wende
Unter Wirtschaftsministerin Katharina Reiche hat die Energiepolitik Baden-Württembergs einen deutlichen Kurswechsel vollzogen. Ihr Zehn-Punkte-Plan, der auf einem umstrittenen Gutachten basiert, setzt nun auf Gaskraftwerke und Marktreformen – statt auf Förderungen für Erneuerbare. Doch sowohl Wähler als auch Unternehmen lehnen ihre Pläne vehement ab.
Vor 15 Jahren gewannen die Grünen erstmals die Landtagswahl in Baden-Württemberg, nachdem die Laufzeiten von Atomkraftwerken verlängert worden waren. Damals stützte sich die Entscheidung auf einen Bericht des Instituts für Energiewirtschaft (EWI) aus dem Jahr 2006, der von den Atomkonzernen E.ON und RWE finanziert wurde. Reiche fungierte damals als Staatssekretärin im Bundesumweltministerium und setzte sich für die Laufzeitverlängerung ein.
Bis 2025 hatte sich ihre Prioritäten jedoch verschoben. Als Ministerin für Wirtschaft und Energie präsentierte sie im September ein Zehn-Punkte-Programm, das den Bau von mindestens 20 Gigawatt neuer Gaskraftwerke sowie marktgetriebene Energiereformen vorsieht. Bereits im Februar 2026 hatte sie vorgeschlagen, die festen Einspeisevergütungen für neue Solaranlagen unter 25 Kilowatt abzuschaffen. Diese Pläne stehen im Widerspruch zum Solarerfolg des Landes: Baden-Württemberg liegt mit fast einer Million Photovoltaikanlagen bundesweit auf Platz zwei – allein 2025 kamen 130.000 neue Anlagen hinzu.
Reiches Werdegang steht zunehmend in der Kritik. Vor ihrem Amtsantritt leitete sie eine E.ON-Tochter, die ein 37.000 Kilometer langes Gasnetz betreibt. Viele ihrer aktuellen politischen Vorhaben decken sich mit den Interessen ihres früheren Arbeitgebers. Auch das EWI-Gutachten, das ihrem Plan zugrunde liegt, wurde während ihrer Zeit im Umweltministerium in Auftrag gegeben – hauptsächlich finanziert von E.ON und RWE.
Die öffentliche Reaktion fällt vernichtend aus. Über 2.000 Unternehmen kritisierten ihre Vorschläge, selbst RWE hielt sich mit Unterstützung zurück. Umfragen zeigen eine Zustimmungsrate von nur 13 Prozent – der niedrigste Wert aller Kabinettsmitglieder. Besonders umstritten ist ihre Weigerung, Netzanschlüsse für neue Solaranlagen zu garantieren. Der CDU-Kandidat Manuel Hagel, der in Umfragen lange führte, verlor an Zustimmung, nachdem Reiches Energiepläne bekannt wurden.
Die Grünen gewannen zwar die Landtagswahl, doch nun unter einer Bundespolitik, die Gas- und Ölheizungen wieder zulässt und gleichzeitig den Ausbau von Gaskraftwerken priorisiert. CDU-Chef Friedrich Merz könnte Reiches Abberufung möglicherweise bis nach der Wahl in Rheinland-Pfalz verschieben, wo 311.000 Solaranlagen über drei Millionen Wähler versorgen.
Reiches Politik hat die energetische Ausrichtung Baden-Württembergs grundlegend verändert – zugunsten von Gas und zu Lasten der Erneuerbaren. Angesichts des breiten Widerstands und der sinkenden Beliebtheit ist ihre politische Zukunft ungewiss. Der Solarausbau im Land geht zwar weiter, doch unter einem politischen Rahmen, der nun fossile Infrastruktur in den Vordergrund stellt.