07 May 2026, 12:11

Halberstadts vergessene jüdische Geschichte in der DDR – zwischen Ignoranz und Umdeutung

Metallplatte an einer Gebäudewand mit "Karl Marx" in fetter schwarzer Schrift.

Halberstadts vergessene jüdische Geschichte in der DDR – zwischen Ignoranz und Umdeutung

Halberstadts jüdische Geschichte in der DDR-Zeit bleibt ein komplexes und oft übersehenes Kapitel. Während die Zerstörung der Stadt meist mit den Luftangriffen von 1945 in Verbindung gebracht wird, wurde ihre Synagoge bereits weit früher Opfer der Gewalt – in der Pogromnacht von 1938. Neue Forschungen von Philipp Graf zeigen nun, wie die DDR mit diesem Erbe umging – und es mitunter ignorierte.

Die Auslöschung jüdischen Kulturguts in der DDR begann mit der physischen Zerstörung. Die Halberstädter Synagoge wurde 1938 niedergerissen, Jahre vor Kriegsende. Nach 1945 wurde die historische Rathaustraße wiederaufgebaut und 2018 an ein jüdisches Immobilienunternehmen verkauft.

Ein Mahnmal am ehemaligen Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt wurde 1949 eingeweiht. Es ehrte zunächst Opfer der Zwangsarbeit, doch seine Bedeutung verschob sich im Laufe der Zeit. Bis 1969 war die Stätte zu einem Ort politischer Gelöbnisse umgestaltet worden – direkt über den Gräbern von Häftlingen. Gleichzeitig wurden die unterirdischen Stollen des Lagers in den 1970er-Jahren als Militärdepot für die Nationalen Volksarmee der DDR zweckentfremdet.

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Kulturelle Beiträge jüdischer Künstler wurden nur kurz gewürdigt, bevor sie in Vergessenheit gerieten. Die niederländische Widerstandskämpferin Lin Jaldati ließ sich 1952 in der DDR nieder und nahm in Ost-Berlin drei Schallplatten auf. Doch nach dem Sechstagekrieg von 1967 verschwanden ihre Werke aus dem staatlichen Rundfunk. Literarische Arbeiten wie Die Bilder des Zeugen Schattmann von Peter Edel oder Jakob der Lügner von Jurek Becker entstanden zwar, blieben aber seltene Ausnahmen in einem System, das laut Grafs Erkenntnissen jüdische Traditionen kaum offiziell anerkannte.

In seinem Buch Verweigerte Erinnerung argumentiert Graf, dass die DDR durchaus Instrumente besaß, um Antisemitismus und Autoritarismus entgegenzutreten. Doch wurden diese oft unkonsequent eingesetzt oder gar nicht genutzt. Die antifaschistischen Prinzipien des Staates mochten theoretisch solide sein – doch die Tilgung jüdischer Geschichte blieben sie schuldig.

Das Verhältnis der DDR zum jüdischen Erbe offenbart ein Muster selektiver Erinnerung. Stätten wie Langenstein-Zwieberge wurden umfunktioniert, während Persönlichkeiten wie Lin Jaldati zum Schweigen gebracht wurden. Grafs Forschung legt diese Widersprüche offen und zeigt, wie ein Staat, der sich als antifaschistisch verstand, zentrale Teile seiner Vergangenheit überging. Das Erbe der Halberstädter jüdischen Gemeinde – von der zerstörten Synagoge bis zum umgedeuteten Mahnmal – bleibt ein Zeugnis dieser Lücken.

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