Arzneimittel-Lieferketten in Deutschland: Streit um Reserven und Eigenproduktion
Anton WolfArzneimittel-Lieferketten in Deutschland: Streit um Reserven und Eigenproduktion
Deutschlands Arzneimittel-Lieferketten in der Kritik: Streit um Reserven, Handelsabkommen und Eigenständigkeit
Die Widerstandsfähigkeit der deutschen Arzneimittelversorgung steht auf dem diesjährigen Handelsblatt-Jahreskongress auf dem Prüfstand. Branchenführer und Krankenkassen lieferten sich eine kontroverse Debatte über Lagerbestände, Handelsvereinbarungen und die Notwendigkeit einer größeren Unabhängigkeit in der Pharmaproduktion. Während offizielle Stellen Fortschritte betonen, fordern Kritiker tiefgreifendere Investitionen und politische Weichenstellungen, um die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten zu verringern.
Tim Steimle, Leiter Pharma bei der Techniker Krankenkasse (TK), verkündete, Deutschland habe das Ziel erreicht, Vorräte für sechs Monate anzulegen. Zudem verwies er darauf, dass Rabattverträge zunehmend durch umfassendere Versorgungsvereinbarungen ersetzt würden – mit Ausnahme von Kinderarzneimitteln. Steimle begrüßte das geplante Freihandelsabkommen mit Indien als Schritt zur Absicherung von Importen.
Doch nicht alle teilten seinen Optimismus. Kerem Inanc, Geschäftsführer von Alliance Healthcare Deutschland (AHD), bezeichnete die sechmonatige Reserve als unzureichend und forderte klarere Planungsvorgaben. Unkonkrete Lagerziele, so seine Kritik, trügen realen Krisenszenarien nicht Rechnung. Dr. Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Arzneimittel-Hersteller (BPI), betonte unterdessen, dass reine Bevorratung für Generikahersteller wenig sinnvoll sei. Vielmehr müssten Gesundheits-, Industrie- und Sicherheitspolitik Hand in Hand gehen, um langfristige Stabilität zu gewährleisten.
Thomas Weigold, Deutschland-Chef von Sandoz/Hexal, plädierte für eine stärkere europäische Eigenproduktion von Arzneimitteln. Er kritisierte die Hoffnung auf Freihandelsabkommen als Garant für Versorgungssicherheit und warnte, solche Vereinbarungen könnten die heimische Generikaproduktion schwächen. Joachimsen unterstrich diese Position und verwies auf weit größere Verwundbarkeiten Europas, als gemeinhin anerkannt. Ohne dringende Investitionen in Forschung und Produktion, so sein Fazit, bleibe echte Autonomie in der Pharmazie eine Illusion.
Als Reaktion hat die Politik – insbesondere in Sachsen-Anhalt – begonnen, die Region unter dem Dach des EU-Kritische-Arzneimittel-Gesetzes (Critical Medicines Act) als zentralen Produktionsstandort zu positionieren. Die Initiative zielt auf beschleunigte Zulassungen, verbesserte Fördermittel und die Einstufung von Projekten als strategisch relevant ab, um die Versorgungssicherheit zu stärken. Das von der CDU geführte Wirtschaftsministerium des Landes engagiert sich zudem in der Allianz für kritische Chemikalien (Critical Chemicals Alliance, CCA), um Produktionsstätten in Mitteldeutschland zu sichern.
Die Diskussion offenbart tiefe Gräben bei der Frage, wie Europas Arzneimittelversorgung gesichert werden kann. Während Krankenkassen auf bestehende Lagerbestände und Handelsabkommen verweisen, fordern Industrievertreter mehr Produktion innerhalb Europas und gezielte Investitionen. Sachsen-Anhalts Vorstoß für eine lokale Fertigung unter EU-Rahmenbedingungen ist ein konkreter Schritt – doch ohne weiterreichende politische Kurskorrekturen könnten langfristige Risiken bestehen bleiben.






